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Sensationelle Studie Schweizer Gen-Analytiker

Deutsche Frauen sind deutscher
als deutsche Männer

Von HELMUT BÖGER

Für ihre Studie über die genetische Abstammung der Deutschen hat Inma Pazos zusammen mit der Biologin Joëlle Apter 19 457 Speichelproben verglichen

Durch den Vergleich der väterlichen Linien der Deutschen fanden Schweizer Forscher heraus, dass 45 Prozent unserer männlichen Vorfahren keltischen, 10 Prozent jüdischen Ursprungs sind

Noch schlummert die Studie mit dem sachlichen Titel „Die Zusammensetzung der Bevölkerung Deutschlands hinsichtlich der genetischen Abstammung“ hinter verschlossenen Türen des Schweizer Unternehmens Igenea in Zürich.

Ein Jahr lang haben die Diplombiologin Joëlle Apter und die stellvertretende Geschäftsführerin der Firma, Inma Pazos, 19 457 Genanalysen von Deutschen verglichen. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist sensationell: Deutsche Frauen sind wesentlich häufiger germanischer Abstammung als deutsche Männer, und ein Zehntel der Deutschen hat jüdische Vorfahren.

Inma Pazos: „Die moderne Genetik führt den Rassismus ad absurdum. Denn alle Genanalysen beweisen ohne jeden Zweifel, dass jeder Mensch unzählig viele Wurzeln hat, weil die Urvölker über Jahrtausende gewandert sind. In jedem Menschen steckt ein Mischmasch. Hätten wir Genmaterial von Adolf Hitler, könnten wir unter Umständen nachweisen, dass auch Juden zu seinen Vorfahren gehört haben. Die Wahrscheinlichkeit beträgt zehn Prozent.“

Die wichtigsten Resultate der Schweizer Studie über die Abstammung der Deutschen:

Nur sechs Prozent aller Deutschen sind väterlicherseits germanischen Ursprungs.

Mehr als 30 Prozent der Deutschen stammen von Osteuropäern ab.

Ein Zehntel der Deutschen hat jüdische Wurzeln.

Um die Abstammung eines Menschen zu klären, müssen die väterlichen und die mütterlichen Linien analysiert werden, was mittels einer Speichelprobe wie bei einem Vaterschaftstest möglich ist.

Bei der Erforschung der väterlichen Linien der Deutschen kam heraus: 45 Prozent gehören zur Haplogruppe – dieser Begriff bezeichnet in der Expertensprache einen großen Ast des menschlichen Stammbaums – R1b, die ursprünglich aus Sibirien stammt. Sie ist die größte in Europa. 25 Prozent entstammen der Haplogruppe 1, Skythen und Wikinger. Sie ist etwa 20 000 Jahre alt und wanderte vom Norden in den Süden, wird auch „Wikingerstamm“ genannt.

15 Prozent der Deutschen gehören zur Haplogruppe R1a, die Wikinger und Slawen umfasst. Sie ist vor 30 000 Jahren in Nordasien entstanden und heute vor allem in England und Osteuropa verbreitet. „Hebräischer Stamm“ heißt die Haplogruppe J, da ihr 40 Prozent aller Juden angehört. In Deutschland ist sie mit zehn Prozent vertreten. Die Haplogruppe E3b mit nur fünf Prozent Anteil an der deutschen Bevölkerung hat phönizische Wurzeln.

Auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint das Ergebnis der Untersuchung der mütterlichen Linien anhand der „mitochondrialen DNA“, die nur von Frauen vererbt wird. 50 Prozent der Deutschen haben nach der Schweizer Studie mütterlicherseits eine germanische Abstammung, doch väterlicherseits nur sechs Prozent.

Die Deutung der beiden Wissenschaftlerinnen: Die kürzere Lebenszeit und die höhere Sterblichkeit unserer Vorväter zum Beispiel durch Kriege habe dazu geführt, dass sich die germanische Abstammung im ehemaligen Germanien so deutlich reduziert hat.

Unwissenschaftlich ausgedrückt: Deutsche Frauen sind deutscher als deutsche Männer.

Die Tatsache, dass ein Zehntel der Deutschen jüdische Wurzeln hat, kommentiert Professor Dr. Salomon Korn (64), Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, so: „Die Geschichte der Juden in Deutschland ist über 1700 Jahre alt – und damit älter als die vieler während der Völkerwanderung zugewanderter Stämme.“

Bis zum ersten Kreuzzug 1096 und nach der Emanzipation der Juden im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert habe es Mischehen zwischen Juden und Christen gegeben. Berücksichtige man die Generationenfolge seit dieser Zeit, „dann ist es nicht mehr verwunderlich, dass zehn Prozent der Deutschen Juden als Vorfahren haben“, so Korn zu BILD am SONNTAG.

Ahnenforschung mithilfe einer Genanalyse ist vor allem in den USA ein weit verbreitetes Hobby. Auf diese Weise kam 172 Jahre nach dem Tod des dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson (1743–1826) heraus, dass der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung mit der schwarzen Sklavin Sally Hemings mindestens ein Kind gezeugt hat. Die Schauspielerin Whoopi Goldberg konnte klären, dass ihre Vorfahren zum Volk der Papel in Guinea-Bissau gehörten.

Da alle Menschen auf der Welt von einer Urmutter Eva und einem Urvater Adam abstammen, die vor etwa 200 000 Jahren in Ostafrika lebten, ist unsere DNA (Desoxyribonukleinsäure, die Trägerin der Erbinformationen) zu 99,9 Prozent absolut identisch. Vor etwa 100 000 Jahren begannen die Nachfahren Adams und Evas ihren langen Marsch „out of Africa“.

Nur ein Zehntelprozent der DNA, entstanden durch Veränderungen beim Kopieren des Erbguts über Jahrtausende hinweg, bestimmt, ob ein Mensch groß oder klein, schwarz oder weiß, blond oder braun ist.

Diese Mutationen erlauben es den Genetikern, für jeden einzelnen Menschen festzustellen, woher seine Vorfahren stammen.

Das Schweizer Unternehmen Igenea hat sich auf individuelle Herkunftsanalysen per Speichelprobe spezialisiert. Eine Analyse der väterlichen Linie kostet 105, die der mütterlichen 120 Euro.

„Wir gehen nur bis zu 40 Generationen, also 800 bis 1000 Jahre zurück“, erläutert Igenea-Managerin Inma Pazos, „ginge man weiter zurück, gäbe es zu viele Kopierfehler, die das Ergebnis verfälschen würden.“


FOTO:
Frank Zauritz