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24. Dezember 2006, NZZ am Sonntag

Genetisches Familienalbum

Dank DNA-Tests kann sich jeder auf die Suche nach seinen prähistorischen Vorfahren machen. Doch unser Stammbaum ist noch unvollständig. Von Theres Lüthi

Unter dem schönen Titel «Die sieben Töchter Evas» veröffentlichte Bryan Sykes, Professor für Genetik an der Universität Oxford, im April 2000 die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit. 6000 europäischstämmige Frauen hatte er um eine DNA-Probe gebeten und diese untersucht - und immer wieder war er auf sieben gleiche Grundmuster gestossen. Er folgerte, dass alle modernen Europäer von nur sieben «Urmüttern» abstammen, die vor 40 000 bis 10 000 Jahren in verschiedenen Teilen Europas lebten.

Die Geschichte stiess auf grosses Interesse. Fast jede britische Zeitung berichtete darüber, die «Times» feierte den Professor gar als den «Entdecker unser aller Ahninnen». «Am nächsten Tag hatte ich 900 E-Mails auf dem Computer», erinnert sich Sykes - alles Leute, die ihre «Urmutter» bestimmt haben wollten. «Da wurde mir klar, dass wir handeln mussten.» Sykes gründete eine Firma und nannte sie Oxford Ancestors.

Zellen aus der Backe

Inzwischen gibt es mehrere Anbieter von solchen Abstammungstests. Family Tree DNA, Relative Genetics oder GeoGene heissen die Firmen, die versprechen, jeden Menschen über seine Herkunft aufzuklären. Für 150 Franken bekommt man eine kleine Bürste geschickt, mit der man Zellen von der Innenseite der Backe abstreift. Ein paar Wochen später hat man das Resultat im Briefkasten. Die Nachfrage ist immens. Family Tree DNA hat die DNA von über einer viertel Million Menschen getestet, 80 000 davon stehen in der Datenbank zur genealogischen Auswertung bereit. Denn wer seine Sequenz kennt, kann in der Datenbank Nachforschungen anstellen. Er kann zum Beispiel herausfinden, in welchen Ländern der Welt seine «genetischen Cousins» besonders häufig vorkommen.

Diese Informationen stillen das urmenschliche Bedürfnis, die eigene Herkunft besser zu verstehen. «Man muss sich vorstellen, dass genau dieselbe DNA bereits im Körper eines Vorfahren zu finden war, der vor vielen tausend Jahren und unter ganz anderen Umständen lebte» sagt Bryan Sykes - ein äusserst romantischer und tiefgründiger Gedanke, findet er. Denn hier geht es nicht um Vorfahren im herkömmlichen Sinn. Was diese Firmen anbieten, ist Spurensuche in der Steinzeit. «Diese Tests geben Auskunft darüber, zu welchem Ast der Menschheit jemand gehört, wo seine Vorfahren lebten, bevor sie beispielsweise in der Schweiz landeten», erklärt Bennett Greenspan, Gründer von Family Tree DNA in Texas.

Geht man mehr als zehn Generationen zurück, versanden bei den meisten Menschen die Spuren ihrer Vorfahren. Denn auch schriftliche Dokumente wie Heiratsurkunden reichen höchsten einige hundert Jahre zurück. Da kann die DNA weiterhelfen. In unserem Genom tickt eine Art molekulare Uhr, alle paar Tausend Jahre schleicht sich ein Fehler ein, der weitervererbt wird. Vergleicht man nun Menschen aus der ganzen Welt, kommen Verwandtschaftsverhältnisse ans Licht. Solche Genomanalysen haben gezeigt, dass es weltweit etwa 50 Grundmuster gibt und die verschiedenen Äste auf einen einzigen Ursprung zurückgehen. Vor etwa 60 000 Jahren, so haben die Berechnungen ergeben, brach eine Gruppe Menschen aus Afrika auf, überquerte das Rote Meer an seinem südlichen Ende und breitete sich danach in alle Welt aus.

Die grösste Einwanderung nach Europa erfolgte vermutlich vor 35 000 Jahren von Zentralasien aus. Bis vor kurzem war man davon ausgegangen, dass die genetischen Spuren dieser urgeschichtlichen Sammler und Jäger längst erloschen sind. Man vermutete nämlich, dass die Einführung des Ackerbaus im heutigen Nahen Osten vor etwa 10 000 Jahren eine Massenbewegung der Bauern nach Europa auslöste, in deren Folge die früheren Einwanderer verdrängt wurden. Die genetischen Analysen von Bryan Sykes zeigten aber ein anderes Bild: Nur 17 Prozent der modernen Europäer stammen von den neolithischen Bauern aus dem Nahen Osten ab. Die allermeisten Europäer hingegen tragen auch heute noch die genetische Signatur der ursprünglichen Jäger und Sammler. Die Verbreitung des Ackerbaus in Europa war also weniger an eine Masseneinwanderung der Bauern als an die Diffusion ihrer Ideen gekoppelt.

Während Oxford Ancestors europäischstämmige Kunden bedient, berücksichtigen andere Firmen die globale Menschenfamilie. Auch ein Schweizer könne nämlich eine genetische Signatur tragen, die heute zum Beispiel vor allem in Tunesien gefunden werde, erklärt Bennett Greenspan. «Man könnte spekulieren, dass die Vorfahren dieses Individuums vor vielen tausend Jahren in Tunesien lebten, irgendwann nach Italien und von dort aus langsam in Richtung Norden gingen, bis schliesslich einer von ihnen vor 500 Jahren in der Schweiz ankam.» Ohne DNA-Test wäre man diesem jahrtausendealten Familienzweig in Tunesien niemals auf die Schliche gekommen.

Zwei Abstammungslinien

Doch so überraschend eine solche Nachricht auch sein mag, zur Klärung unserer prähistorischen Wurzeln, wie das die Firmen anpreisen, tragen die Tests nur sehr bedingt bei. Was viele Kunden nämlich nicht wissen, ist, dass die Tests nur zwei Abstammungslinien nachzeichnen.

Der Grossteil unserer DNA ist ein Gemisch aus mütterlichem und väterlichem Erbgut - hieraus festzustellen, welcher Vorfahre sich im 14. Jahrhundert mit wem vermählte, ist nicht möglich. Also konzentriert man sich auf die  einzigen zwei Abschnitte unseres Erbguts, die den Generationenwechsel praktisch unverändert überstehen und somit einen direkten Blick in die ferne Vergangenheit gewähren. Das ist zum einen die sogenannte mitochondriale DNA, die ausschliesslich von der Mutter an ihre Kinder vererbt wird, ohne sich mit der DNA des Vaters zu vermischen. So ist es möglich, die Mutter der Mutter in einer sehr langen Linie zurückzuverfolgen. «Jede Frau kann davon ausgehen, dass ihre eigene Mitochondrien-DNA über viele Generationen hinweg dieselbe geblieben ist», sagt Walter Schaffner, Professor für Molekularbiologie an der Universität Zürich. «Diese DNA war also schon genauso in den Zellen eines Ritterfräuleins oder einer Bäuerin im Mittelalter vorhanden, der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur- Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur- Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur- Ur-Ur-Ahnfrau!» Dasselbe gilt für das Y-Chromosom, das vom Vater auf den Sohn vererbt wird und somit Aufschluss über die väterliche Linie gibt.

Doch mehr als diesen beiden Ästen des Stammbaums vermögen die Tests an einer Person nicht nachzuspüren. Es sei denn, man betreibt einen Grossaufwand. Bennett Greenspan hatte einen Kunden, der die DNA von 14 seiner 16 Ururgrosseltern testen liess. Da diese nicht mehr am Leben waren, musste er sich für die DNA-Proben an weit entfernte Cousins wenden. Und was kam dabei heraus? «Der Mann ist ein echtes Mosaik», sagt Greenspan, mit Vorfahren aus Nord- und Südeuropa, dem Nahen Osten und Nordafrika. «Er hat jetzt das Gefühl, sich selber viel besser zu kennen.» Tatsächlich bleiben aber auch bei diesem Stammbaum die meisten Stellen leer. Geht man nämlich nur 10 Generationen zurück, hat man bereits 1024 Vorfahren. Bei einer Zeitspanne von 400 Generationen, was etwa 10 000 Jahren entspricht, bleibt der genetische Beitrag von vielen tausend Vorfahren unberücksichtigt.

Die interessantesten Resultate sind denn auch weniger bei der individuellen Stammbaumanalyse als bei der Rekonstruktion der Menschheitsgeschichte zu erwarten. «Das grösste Geschichtsbuch, das je geschrieben wurde», sagt Spencer Wells, Anthropologe an der Harvard-Universität, «ist in unserer DNA versteckt.» Unter seiner Leitung wurde im vergangenen Jahr das «Genographic Project» gestartet, eine Zusammenarbeit von «National Geographic» und IBM. Ziel des Projekts ist es, die Besiedlung der Erde durch den Menschen im Detail nachzuzeichnen. Dazu sollen in den nächsten fünf Jahren 100 000 DNA-Proben von 1000 Eingeborenenvölkern analysiert werden. Der Fokus auf die Eingeborenen hat einen simplen Grund: Die wenigsten Menschen leben heute noch an dem Ort, an dem ihre Vorfahren einst ihre Zelte aufschlugen. Eine genetische Signatur der Eingeborenen hingegen gibt Aufschluss über eine vor Jahrtausenden erfolgte Wanderbewegung.

Ein ähnliches Projekt scheiterte in den neunziger Jahren am Widerstand der Naturvölker, die befürchteten, dass westliche Unternehmen die Informationen kommerziell nutzen könnten. Beim jüngsten Projekt dürfen keinerlei medizinische Daten erhoben werden. Doch viel Zeit bleibt nicht. «Wenn wir das nicht jetzt tun, werden die Informationen für immer verloren sein», so Spencer. Bis in ein paar Jahren wird die Globalisierung die Spuren vergangener Völkerwanderungen verwischt haben.

«Am nächsten Tag hatte ich 900 E-Mails - alles Leute, die ihre Urmutter bestimmt haben wollten», sagt Bryan Sykes.

In den nächsten fünf

Jahren sollen DNA-Proben von tausend Naturvölkern analysiert werden.

 
 
 

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