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Ahnenforschung mit dem Computer
Den Generationen auf der Spur
© verwandt.de
Das gerade gestartete Stammbaum-Website verwandt.de
versucht, mit freundlicher Optik auch junge Menschen für Ahnenforschung zu
interessieren
Von Thomas
KrauseWoher komme ich, wer sind meine Vorfahren?
Ahnenforschung liegt im Trend, benutzt Computerprogramme und Internetangebote
als wichtige Werkzeuge. Doch längst nicht alle Hobbygenealogen sind bereit für
digitale Hilfe.Im Stadtteilzentrum in Hamburg-Eimsbüttel geht
es zum Seniorentreffpunkt hinter dem Eingang gleich nach rechts. Doch die Räume
liegen verlassen da, nur ein Gehwagen parkt ordnungsgemäß in einer Lücke
zwischen Blumenkübel und Glastür. Die Senioren, die an diesem Tag ins
Hamburg-Haus kommen, zieht es direkt in den Hermann-Bossdorf-Saal. Denn hier
stehen die meisten Stände der 7. Norddeutschen Computergenealogie-Börse, einem
Treffen derjenigen, die für die Suche nach Vorfahren nicht nur alte Chroniken
wälzen, sondern auch Rechner nutzen.
Dieter Sommerfeld steigt auf einen
Stuhl und bittet mit lauter Stimme um Aufmerksamkeit. Dem schlanken Mann mit
grauen Haaren und weißem Kinnbart sieht man seine 70 Jahre nicht an. Und das
liegt nicht nur daran, dass er auf dem Stuhl steht. "Wir haben gleich mit Hans
Jürgen Wolf
den Experten für Familienforschung in Westpreußen an unserem
Stand. Er wird gerne Ihre Fragen beantworten", sagt Sommerfeld.
Schnell stehen Zuhörer und Fragensteller im Halbkreis um
Wolf, dessen hagere Gestalt an einem Bistrotisch lehnt. Durch die Brusttasche
seines weißen Oberhemdes schimmert eine Packung HB-Zigaretten, während der
grauhaarige Brillenträger bereitwillig Fragen beantwortet. Immer wieder betont
Wolf die Vorzüge von Internetseiten gegenüber Büchern zur Ahnenforschung. Als
die Fragen an den Experten seltener werden, erkundigt sich eine Frau: "Wie hieß
noch einmal das Buch, das sie empfohlen haben?"
Nachbarschaftshilfe im Archiv
Sommerfeld ist im Gegensatz zu der
Zuhörerin von den Möglichkeiten des Internets bei der Familienforschung
überzeugt. Er selbst betreibt mit seinem Verein "Überseespatzen" ein
Forum, in dem
sich Hobby-Ahnenforscher speziell zur Auswanderung nach Übersee austauschen
können. Gedacht ist das Ganze auch als eine Art Nachbarschaftshilfe. "Wir
versuchen mithilfe unserer Mailingliste Kontakte herzustellen. Wenn jemand etwa
zu seinem eigenen Familiennamen forscht und vielleicht eher zufällig auf den
Familiennamen eines befreundeten Familienforschers trifft, schreibt er die
gefundenen Angaben oft mit auf und gibt sie weiter", sagt Sommerfeld.
Im Saal werden mehr Bücher als DVD-Rom angeboten, werben mehr
Fachverlage als Anbieter von Internetseiten zum Thema. So liegen Nachdrucke von
Kirchenbüchern neben Büchlein zum Selbstausfüllen, auf denen in Fraktur-Schrift
"Meine Ahnen" steht. Anscheinend tun sich Familienforscher mit moderner
Informationstechnologie noch etwas schwer. Nur Computer-Programme zum Erstellen
von Stammbäumen oder Telefonbücher für das Deutsche Reich, Ausgabe 1944
"inklusive aller deutschen Ostgebiete", auf DVD interessieren zumindest einige
der Familienforscher.
Nur die Hälfte nutzt das Internet
Der
"CompGen - Verein für
Computergenealogie" ist fast schon eine Ausnahmeerscheinung auf der Börse.
"98 Prozent unserer Mitglieder besitzen einen Internetanschluss", sagt der
Vereinsvorsitzende Klaus Peter Wessel. "Bei den meisten anderen Vereinen für
Familienforschung sind es nur um die 50 Prozent". Dennoch kann sich der
46-Jährige über mangelnden Zuspruch auf dem Treffen in Hamburg-Eimsbüttel nicht
beklagen. Unermüdlich erklärt Wessel mit Unterstützung von Informatiker Jesper
Zedlitz die Funktionen und Vorzüge von
GenWiki. Neben der
Vernetzung der Vereinsmitglieder und anderer Interessierter sind vor allem
die zahlreichen Datenbanken eine Stärke des Vereins. In ihnen
lassen sich etwa die
historische Angaben ganzer Orte recherchieren, sind
historische Adressbücher erfasst oder werden
aktuelle
Familienanzeigen aus Tageszeitungen gesammelt. "Die Familienanzeigen sind
jetzt vielleicht noch nicht für die Familienforschung von gesteigertem
Interesse", sagt Wessel. "Sehr wohl aber in einigen Jahrzehnten". Dieser Ansatz
scheint symptomatisch für Familienforscher: Sie denken nicht nur an sich und
ihre Forschung, sondern auch an jetzige und zukünftige Genealogie-Interessierte.
© Thomas Krause
Dieter Sommerfelds genealogische Schatztruhe ist total
analog, doch der Hobbygenealoge betreibt auch ein Forum im Internet
Und so hat die Genealogie-Börse ein wenig den Charakter
eines Familientreffens: Grauhaarige Männer mit karierten Hemden schlendern in
einer ruhigen Minute zum Nachbarstand, um weißhaarige Männer in bunten Hemden
mit Vornamen und Handschlag zu begrüßen. Nur wenige Stände werden gemieden: "Die
sind kommerziell", raunen die Männer und beäugen skeptisch den
ancestry.de-Stand. Die
Internetseite ist ein Ableger des US-amerikanischen Webangebots
ancestry.com, dessen Betreiber
versuchen, nun auch auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Bei Ancestry kann man
online seinen Stammbaum und somit eine Art Familien-Website bauen. Jedes
Familienmitglied kann eingeladen werden, sein Wissen zum Stammbaum beizusteuern
und somit die Familienbande zu stärken. Auch Fotos der Familienmitglieder können
hochgeladen werden. Allerdings erfordert die vollständige Nutzung von
Ancestry.de eine Gebühr. Dennoch wurden laut Betreiber inzwischen über eine
Million Namen in ancestry.de-Stammbäume hochgeladen.
Enkel soll Opa ins Internet locken
Die Erforschung der eigenen
Familiengeschichte ist vor allem in den USA populär. Aber auch die Macher des
Onlineangebots
verwandt.de, die gerade online gegangen ist, hoffen, dass sich
dieser Trend nach Deutschland fortsetzt. Die Website, auf der man ähnlich wie
auf ancestry.de den Stammbaum seiner Familie eintragen und andere
Familienmitglieder um Ergänzungen bitten kann, ist besonders jugendlich
aufgemacht. Eine kleine Comic-Figur wie etwa eine weißhaarige Oma mit Brille und
Dutt symbolisiert jedes mögliche Familienmitglied. "Wir erhoffen uns ein
jugendliches, internetaffines Publikum, das dann per Mail ältere
Familienmitglieder einlädt und so an unsere Seite heranführt", sagt
Pressesprecher Marlon Werkhausen.Ein genaues Finanzierungskonzept besteht laut
Werkhausen noch nicht: "Die Grundfunktionen werden aber auf jeden Fall
gebührenfrei bleiben", sagt er.
Eine Vertreterin des von "verwandt.de" gewünschten Publikums
sitzt vor dem Hermann-Bossdorf-Saal auf einem Tisch und wartet. Die 30-jährige
Annabell Andreas ist eine der jüngsten Besucherinnen der
Computergenealogie-Börse überhaupt. "Ich interessiere mich zwar auch für das
Thema, begleite aber eigentlich meine Mutter", sagt die junge Frau.
Familienforschung dank Gentechnik
Einige Meter weiter erklärt Inma Pazos
geduldig, wie man seinen Stammbaum erforschen kann, wenn Archive und
Genealogie-Datenbanken an ihre Grenzen stoßen. Für etwas mehr als 100 Euro
bietet die schweizerische Firma Igenea an, durch eine Genanalyse nach der
eigenen Urmutter oder dem Urvater vor etwa 40 Generationen zu forschen. Anhand
bestimmter Abschnitte auf der DNS lasse sich bestimmen, zu welcher genetischen
Gruppe der Weltbevölkerung man gehöre. Grundlage bildeten unter anderem
Genanalysen archäologischer Funde, anhand derer eine Karte erstellt wurde, die
zeigt, wie sich unterschiedliche genetische Gruppen auf dem Planeten
ausgebreitet haben. Eine andere Grundlage seien die aktuellen Genanalysen, die
auf Wunsch der Kunden in eine Datenbank eingespeist werden.
Pazos, eine
24-jährige Schweizerin mit dunklen Haaren, erklärt, sie selbst habe nur durch
den Test herausgefunden, dass ihre Vorfahren aus Spanien und Irland kamen. Die
Abstammung von der iberischen Halbinsel sieht man ihr an, die irische eher
weniger. Eine Mittfünfzigerin hört sich alles geduldig an, lässt sich die Karte
mit den globalen Entwicklungslinien unterschiedlicher genetischer Gruppen zeigen
und die Grundzüge der Datenbank von
igenea.de erklären, bis, ja bis Pazos sagt: "Und Sie bekommen
dann auch Zugriff auf eine ständig aktualisierte Liste von Leuten, mit denen Sie
genetische Übereinstimmungen haben. Sie können dann auf Wunsch via E-Mail
Kontakt aufnehmen." "E-Mail?", fragt die Mittfünfzigerin. "Ich habe ja selbst
keine Mailadresse."
Artikel vom 27. Juni 2007
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