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Suche nach den Wurzeln

Die Genforschung bringt überraschende Erkenntnisse hervor: Deutsche sind einer Studie zufolge alles andere als reine Germanen. Von Roland Mischke

Die Gen-Expertin Inma Pazos hat einen Traum. Sie würde gern Adolf Hitler bloßstellen. "Hätten wir Genmaterial von ihm", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin der Schweizer Firma Igenea, "könnten wir unter Umständen nachweisen, dass auch Juden zu seinen Vorfahren gehört haben. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei mindestens zehn Prozent." Der Schreibtisch-Massenmörder, der in "Mein Kampf" die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung Europas ankündigte, könnte nämlich eine jüdische Urururgroßmutter gehabt haben. Er hätte dann diejenigen vernichten wollen, von denen er selber abstammte.

"Zehn Prozent der Deutschen haben jüdische Wurzeln", weiß die Expertin. Die moderne Genetik macht's möglich. "Bei Franzosen, Italienern oder Polen gibt es weniger jüdische Anteile." Die Geschichte der Juden in Deutschland ist mehr als 1700 Jahre alt. Christen und Juden gingen bis zum ersten Kreuzzug 1096 regelmäßig Ehen ein. Erst durch die Gettoisierung des jüdischen Bevölkerungsteils und mit dem Beginn der Pogrome im Mittelalter wurden Juden isoliert. Im 19. und 20. Jahrhundert, nach der Gleichberechtigung von Juden kam es wieder zu zahlreichen deutsch-jüdischen Ehen, die bis heute Generationenfolgen bestimmen.

Die Studie dazu ist noch nicht veröffentlicht, weil sie in den nächsten Monaten mit anderen europäischen Nationen abgeglichen wird. Die bisherigen Erkenntnisse gelten als sensationell, die extreme Vermischung der mitteleuropäischen Nationen war so bisher nicht bekannt. "Bei den Schweizern ist es ähnlich wie bei den Deutschen: 17 Prozent haben jüdische Wurzeln, 60 Prozent stammen von den Kelten ab", erklärt die Schweizerin spanischer Herkunft. "Die reine Schweizer oder reine deutsche Nation gibt es nicht."

Gemeinsam mit der Biologin Joelle Apter hat Inma Pazos insgesamt 19 457 Genanalysen von Deutschen bundesweit verglichen. Sie entstanden ausschließlich aus Speichelproben. Deren Spender wurden aus der Datei gefischt, die Igenea, spezialisiert auf individuelle Herkunftsanalysen, seit Jahren anlegt. "Die Leute haben eine Einverständniserklärung unterschrieben, nur rund drei Prozent der Befragten wollten das nicht", so Pazos. Das Sammeln der Proben und ihre Auswertung dauerte eineinhalb Jahre. "Ohne jeden Zweifel beweisen Genanalysen, dass jeder Mensch mehrere Wurzeln hat. Denn über mehr als 100 000 Jahre sind die Urvölker gewandert und haben ihre Gene gemischt."

"Germaninnen" häufiger

Besonders deutlich wird das bei väterlichen Linien. Sie sind bei deutschen Männern nur zu sechs Prozent germanisch. Das steht im Widerspruch zu mütterlichen Linien. Demnach sind 50 Prozent der deutschen Frauen mütterlicherseits germanischer Abstammung. Die Erklärung: Mütterliche Linien können an der "mitochondrialen DNA" festgemacht werden, die nur von Frauen vererbt wird. "Über Jahrhunderte sind Männer in der Urzeit durch Kriege, Naturkatastrophen und Jagdunfälle regelrecht hinweggerafft worden", erklärt Inma Pazos. Das hat die Germanen im einstigen Germanien systematisch dezimiert. Frauen hatten eine geringere Sterblichkeit und eine weitaus höhere Lebenserwartung. Und offenkundig eine hohe Zahl an Geschlechtspartnern aus anderen Völkern, mit denen sie Kinder zeugten.

Beim Vergleich der väterlichen Linien der Deutschen fanden die Schweizer Forscher heraus, dass 45 Prozent unserer männlichen Vorfahren von Kelten abstammen. Dieses Urvolk war in fast ganz Europa unterwegs. Auch die Germanen, deren ursprüngliches Siedlungsgebiet zwischen Oder und Rhein lag, begannen um etwa 500 v. Chr. mit Wanderzügen, die sie im Westen nach England, Frankreich und bis in den Norden Spaniens und im Osten bis fast ans Schwarze Meer führten. Überall kam es zu Vermischungen mit Einheimischen.

45 Prozent der väterlichen Linien sind der so genannten Haplogruppe zuzurechnen. Damit wird der größte Ast des menschlichen Stammbaums bezeichnet. Kleinere Äste wuchsen im Laufe der Völkerwanderungen hinzu. So vor rund 20 000 Jahren der mittelgroße Ast der Haplogruppe 1, der für Skythen und Wikinger steht. Diese nordischen Stämme wanderten in den Süden. Ebenso die der Haplogruppe R1a, ein weiterer kräftiger Zweig am Stammbaum. Er umfasst Wikinger und Slawen, die vor zirka 30 000 Jahren von Nordasien aus Osteuropa und England eroberten.

Phönizier hinterließen Spuren

Der hebräische Zweig am Stammbaum, die Haplogruppe J, der 40 Prozent aller Juden angehören, umfasst ein Zehntel des deutschen Stammbaums. Etwa fünf Prozent der Deutschen kommen aus der Haplogruppe E3b. Das bedeutet, sie haben ihre Wurzeln bei den Phöniziern, dem seefahrenden Mittelmeervolk, das große Teile Europas und Afrikas bereiste und Handel auch im nördlichen Europa trieb.

Vor rund 200 000 Jahren gingen die Urmenschen in Ostafrika zum aufrechten Gang über. Die Bibel schreibt unsere Entstehung der Urmutter Eva und dem Urvater Adam zu - alle Menschen auf der Welt stammen von einem Paar ab. Die biblische Aussage wird gedeckt durch die DNA, die Trägerin sämtlicher Erbinformationen, der Erdenbewohner, sie ist bei allen Menschen zu 99,9 Prozent identisch. Der Rest veränderte sich im Laufe der Geschichte durch das Kopieren, das Weitergeben der Gene von Generation zu Generation. Nur 0,1 Prozent des Erbguts entscheiden, wie groß ein Mensch wird, welche Hautfarbe und welche Haarfarbe er hat. Die Unterschiede sind minimal, die Genforschung hat den Rassismus ad absurdum geführt.

Inma Pazos wählt gern das Bild eines Ringes mit Familienwappen, der vererbt wird. "Es ist der gleiche Ring, der von den Vätern an Söhne und Enkel weitergegeben wird, aber er wird dabei abgenutzt", sagt sie. "Die Urururenkel können das Wappen nicht mehr klar erkennen, nach 40 Generationen haben sich Krone mit Vogel und Schild verwischt und sind dabei anderen Ringen ähnlich. So kann es zu Verwechslungen kommen."

Adolf Hitler könnte ein Opfer des Ringverschleißes gewesen sein: Er konnte seine Herkunft nicht exakt definieren und schwafelte deshalb von der arischen Rasse. Aber - und das ist sicher - alle Menschen haben gemeinsame Vorfahren.

Mannheimer Morgen
26. Januar 2008

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