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   29. Februar 2008
   8. Jahrgang
   Ausgabe 9
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Dank DNA-Test genetische Cousins finden

Joëlle Apter ist Geschäftsführerin der Gentestfirma igenea, die als bisher einzige in Europa genealogische DNA-Tests anbietet. Die Testergebnisse der Herkunftsanalyse teilen unter anderem mit, wo sich die Ahnen vor Tausenden von Jahren auf dem Erdball aufhielten.

tachles: Als erste Firma in Europa bieten Sie genealogische DNA-Tests an. Erklären Sie einem Laien, wie das funktioniert, dass Sie allein mittels einer Speichelprobe herausfinden können, wo seine Vorfahren vor 1000 Jahren gelebt haben.

Joëlle Apter: Die DNA können wir uns als Puzzle vorstellen. Die Puzzleteile erben wir von unseren Eltern, und unsere Eltern haben sie von ihren Eltern geerbt. Zwei besondere Puzzleteile sind für die DNA-Genealogie besonders interessant: Das Y-Chromosom, das der Vater an alle seine Söhne weitergibt, und die mitochondriale DNA (mtDNA), die die Mutter an alle ihre Kinder weitervererbt. Nur diese zwei besonderen Abschnitte werden von den Eltern unvermischt an die Nachkommen weitergegeben. Durch die Analyse der mtDNA oder des Y-Chromosoms und durch den Vergleich mit den bestehenden Y-DNA- und mtDNA-Profilen in unserer Datenbank, der weltweit grössten, können wir jeden Menschen einer Haplogruppe zuordnen. Haplogruppen zeigen, aus welchem Urvolk wir abstammen, wo unser geografischer Ursprung ist, und ob wir mit anderen Personen gemeinsame Vorfahren teilen. Die Haplogruppenbestimmung basiert auf anerkannten wissenschaftlichen Analysen. Bestimmte Mutationen in der DNA definieren die verschiedenen Bevölkerungen. Jede neue wissenschaftliche Erkenntnis in diesem Bereich ergänzt die vorhandenen Daten, so dass wir immer auf dem neuesten Stand der Wissenschaft sind.

Wie ist Ihre Firma dazu gekommen, genealogische DNA-Tests anzubieten?

Über die DNA-Genealogie habe ich per Zufall auf einer amerikanischen Website gelesen. Ich war fasziniert von der Möglichkeit, mit einem Gentest herauszufinden, woher ich ursprünglich komme. In einer Welt der beinahe unlimitierten Vernetzung von Personen, der Globalisierung, der Kosmopoliten gibt es immer auch einen Gegentrend: zurück zu den Wurzeln. Oder wie wir bei igenea sagen: «Entdecke deine Geschichte …». Ich habe dann nach einem geeigneten Partner zur Durchführung solcher Tests gesucht und diesen in der amerikanischen Firma Family Tree DNA gefunden. Seit einem Jahr bieten wir nun genealogische DNA-Tests exklusiv in Europa an. Und ich hatte mich nicht getäuscht: Die Nachfrage ist gross.

Welche zusätzlichen Informationen können Juden aufgrund eines solchen Tests erhalten, ausser jener, dass sie Aschkenasim oder Sephardim sind?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine jüdische Abstammung zu analysieren. Es gibt bestimmte Haplogruppen, die auf eine aschkenasische oder sephardische Herkunft hinweisen. Ausserdem wird ein bestimmtes DNA-Profil «Cohen-Modal-Haplotyp» genannt, weil es unter den Cohanim verbreitet ist. Wenn also ein Mann den Cohen-Modal-Haplotyp aufweist, ist seine Herkunft väterlicherseits nicht nur unbestritten jüdisch. Dieser Mann ist auch ein Cohen. Auch wenn man nicht zum Cohen-Modal-Haplotyp gehört oder zu einer spezifisch jüdischen Haplogruppe, kann man jüdische Wurzeln haben und ein Cohen sein. Hier ist unsere Datenbank hilfreich. Indem wir die Personen, die mit uns genetisch übereinstimmen, kontaktieren und diese nach ihrer Herkunft fragen, kann eine jüdische Herkunft indirekt bestätigt werden. Da das jüdische Volk aber nicht rein genetisch definiert ist, kann ein DNA-Test eine jüdische Herkunft nicht ausschliessen.

Was für Leute machen bei Ihnen einen genealogischen DNA-Test oder anders gefragt, für welche Leute könnte ein solcher Test besonders spannend sein?

Mehr über die eigene Abstammung zu erfahren ist ein Bedürfnis jedes Menschen. Ein DNA-Genealogie-Test zeigt unsere Herkunft anhand der rein väterlichen Linie, also Vater des Vaters des Vaters und so weiter, und der rein mütterlichen Linie (Mutter der Mutter der Mutter) auf. Das Ergebnis ist absolut sicher und korrekt und bedarf keiner Interpretation durch einen Historiker oder einen Archivar. Die wahre Herkunft kann auch die Antwort auf viele Fragen sein. Vielleicht ist einer unserer Vorfahren als Verbrecher aus dem Land geflüchtet und musste seine wahre Nationalität verbergen. Oder möglicherweise ist unser Urahne als Soldat in die Schweiz gekommen und hat sich hier für immer angesiedelt. Oder die Familie hat über Jahrhunderte in Deutschland gelebt, ihre Wurzeln sind aber slawisch. Ein DNA-Genealogie-Test ist auch für adoptierte Kinder oder für Kriegsflüchtlinge besonders interessant, da sie möglicherweise keine andere Möglichkeit haben, ihre wahre Herkunft zu erfahren. Diese Herkunftsforschung kann bis zu 40000 Jahre zurückgehen. Aus dieser Zeit sind keine Geburtsscheine oder sonstigen Dokumente vorhanden, so dass uns nur noch unsere einzig wahre und richtige Akte bleibt, nämlich unsere DNA.

Was ist das überraschendste Ergebnis, das sie je für einen Kunden herausgefunden haben?

Eine Mutter aus der Schweiz, die einen mütterlichen Test für ihre adoptierte Tochter bestellt hat. Wir wussten, dass die Tochter aus Südamerika stammte, aber das Land war unbekannt. Durch den DNA-Test konnte herausgefunden werden, dass die Tochter aus Chile kam, und es wurden sogar entfernte Verwandte in der Datenbank gefunden, die heute in den USA leben. Durch die Kontaktaufnahme konnten die biologischen Eltern gefunden werden.

Das heisst also, dass eine Herkunftsanalyse auch mehr aussagen kann als nur, wo die Vorfahren vor 1000 Jahren und mehr gelebt haben?

Ja. Mit einem DNA-Genealogie-Test werden auch die einzelnen Abstammungslinien analysiert. Dank der DNA-Genealogie können wir genetische Cousins finden, also Personen, die mit uns gemeinsame Vorfahren teilen. Indem wir mit unseren genetischen Vettern Informationen wie Stammbaumaufzeichnungen austauschen, erweitern wir unser Wissen über die Geschichte unserer Familie. Mittels eines DNA-Genealogie-Tests wird das mitochondriale beziehungsweise Y-chromosomale Profil einer Person erstellt. Dieses Profil wird auf unserer Datenbank mit jenem aller anderen Personen verglichen. Die Personen, die dann mit Ihnen genetisch übereinstimmen, repräsentieren Ihre genetischen Cousins. Da der Zugang zu der Datenbank zeitlich unlimitiert ist, wird die Liste der Verwandten mit der zunehmenden Zahl an durchgeführten Tests immer grösser. Wenn zum Beispiel zwei Männer in 67 Punkten übereinstimmen, bedeutet das, dass sie einen gemeinsamen Vorfahr teilen, der vor höchstens sechs Generationen gelebt hat. Diese zwei Männer haben also mindestens einen gemeinsamen Urururgrossvater.

Nebst der Herkunftsanalyse bieten Sie auch sogenannte Nachnamenprojekte an. Was ist darunter genau zu verstehen?

In einem Nachnamen-Projekt wird untersucht, ob Männer mit gleichem oder ähnlichem Nachnamen biologisch miteinander verwandt sind. So finden Sie Personen, mit denen Sie gemeinsame Vorfahren teilen, und können Informationen austauschen. Dadurch erhöhen Sie in kurzer Zeit den Informationsgehalt Ihrer Familiengeschichte. Umgekehrt können Sie auch Namensvettern als nicht zu Ihrer Familie gehörend ausschliessen.

Ein Herr Bloch könnte zum Beispiel untersuchen, welche Blochs zum gleichen Stamm gehören. Er könnte zudem die Nebenlinien rekonstruieren oder die genetische Herkunft dieses Geschlechts entdecken. Nachnamenprojekte werden über das Internet geführt. Ein Beispiel: Ein Amerikaner namens Howry entdeckte anhand eines Nachnamensprojekts, dass er ursprünglich vom Schweizer Geschlecht Hauri abstammt.

Haben Sie Ihren eigenen Stammbaum erforscht? Was ist dabei herausgekommen, woher stammen Ihre Vorfahren?

Mütterlicherseits gehöre ich zur Haplogruppe K. Die meisten Aschkenasim gehören der Haplogruppe K an – so war dieses Resultat keine Überraschung. Väterlicherseits gehöre ich zur Haplogruppe I1a. Eigentlich hätte ich ja erwartet, dass ich auch väterlicherseits einer typisch aschkenasischen Linie angehöre. Dem ist aber nicht so. Meine väterliche Linie ist zu meiner Überraschung typisch angelsächsisch. Ich bin immer noch daran herauszufinden, woher und warum wir Haplogruppe I1a sind. Die Suche gestaltet sich sehr spannend.

Da ich als Frau nur meine mütterliche Linie testen kann, habe ich meinen Vater gebeten, einen Test zu machen. Jetzt kenne ich zusätzlich auch die mütterliche Linie meines Vaters: Haplogruppe K (aschkenasisch, genau wie meine mütterliche Linie). Die väterliche Linie meiner Mutter konnte ich leider nicht testen. Es gibt keinen männlichen Verwandten meiner Mutter in direkter väterlicher Linie mehr.

Interview: Dania Zafran

Weitere Informationen unter http://www.igenea.com/.


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Einfache Speichelprobe, spannendes Ergebnis Die DNA-Analyse bringt interessante genealogische Informationen zutage  

Igenea
Gegründet wurde igenea von Joëlle Apter und ihrem Mann Michael von Arx. Bekannt geworden ist die Firma mit Sitz in Zürich vor allem durch ihre Vaterschaftstests. Seit einiger Zeit nun bietet die Gentestfirma als erste in Europa auch genealogische DNA-Analysen an. Mittels eines sehr einfach durchzuführenden Speicheltests wird die väterliche oder mütterliche Ahnenlinie untersucht. So kann beispielsweise herausgefunden werden, aus welchen geografischen Gebieten die Urahnen stammen und wie diese vor Zehntausenden von Jahren auf der Erde gewandert sind. Die europäische Filiale der amerikanischen Family Tree DNA, die die weltweit grösste Datenbank mit 250000 DNA-Profilen unterhält, bietet nebst den Herkunftsanalysen auch sogenannte Nachnamenprojekte an: Auf der Homepage der Firma kann nachgeschaut werden, ob zu einem Nachnamen schon ein Nachnamenprojekt besteht. Es kann auch kostenlos ein neues gegründet werden. [dz]

Weitere Informationen unter http://www.igenea.com/.

Jüdisch nicht nur über die Gene
Durch diverse Studien hat man die Haplogruppen, die als «typisch jüdisch» gelten, benennen können. So wurde die DNA von Männern und Frauen mit (überlieferten) jüdischen Wurzeln miteinander verglichen. Über 60 Prozent der Juden waren in diesem Test genetisch gleich. Allerdings betrifft dies vor allem aschkenasische Haplogruppen. Die sephardischen Haplogruppen wurden noch nicht vollständig erforscht. Nicht alle Juden gehören zu einer typischen jüdischen Haplogruppe. Auch wenn jemand zur Haplogruppe R1a gehört (normalerweise typisch für keltischen und wikingischen Ursprung), so kann es dennoch sein, dass die Analyse jüdische Wurzeln findet. Die Analyse berücksichtigt nicht nur die Haplogruppen, sondern auch die internationale Datenbank, in der die genetischen Daten von unzähligen Personen miteinander verglichen werden. Ergeben sich bei einer Analyse vor allem Übereinstimmungen mit Daten von jüdischen Testpersonen, so wird auch diese Person als genetisch jüdisch bestimmt. Zudem gibt es auch Personen, die zur Haplogruppe J gehören, aber keine Übereinstimmung mit Juden haben. Diese gehören dann zu den restlichen 40 Prozent und unter anderem zu Phöniziern, Kelten oder Arabern. [DZ]

Von Indien bis Finnland: Drei Testpersonen
Drei Personen hat tachles zum Speicheltest gebeten, um sich mit ihnen auf die Suche nach ihren genetischen Wurzeln zu machen. Bei den Männern Charles Lewinsky und Jonathan Schächter konnte sowohl die mütterliche als auch die väterliche Linie erforscht werden; das Y-Chromosom, das jeder Vater unverändert an seinen Sohn weitergibt, verrät, wo die Ahnen väterlicherseits lebten.

Die Probandin Tamar Merlin hat nur ihre mütterliche Linie nachverfolgen können: Da Frauen das Y-Chromosom fehlt, können sie nur ihre Mitochondrial-DNA testen lassen. Diese zeigt auf, wo die Vorfahren mütterlicherseits herkamen. Diesen Test können auch Männer machen, da die Mitochondrial-DNA einer Frau an alle ihre Kinder, seien es Knaben oder Mädchen, vererbt wird. Tamar Merlin, wohnhaft in Bern, Physiotherapeutin, spezialisiert auf die Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen, im Vorstand des Vereins Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen und Mitglied der Schulleitung der Jüdischen Kommunikationsschule. Der DNA-Test hat ergeben, dass Tamar Merlin mütterlicherseits zum Urvolk der Juden gehört, und ihre Vorfahren lebten nicht allzu weit weg, nämlich in Polen.

Charles Lewinsky, preisgekrönter Drehbuchautor («Fascht e Familie») und Schriftsteller («Melnitz», «Ein ganz gewöhnlicher Jude»), lebt und arbeitet in der Schweiz und in Frankreich. Charles Lewinskys Herkunftsanalyse hat spannende Informationen ergeben; er gehört sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits dem Urvolk der Juden an, und das Ursprungsland der mütterlichen Linie ist Russland. Väterlicherseits liegen die genetischen Wurzeln allerdings viel weiter entfernt: in Indien.

Jonathan Schächter ist Radiomoderator beim Sender Energy Zürich. Seit vergangenem Oktober moderiert er seine tägliche Abendshow «Energy Downtown». Das Ergebnis seines DNA-Tests hat Folgendes ergeben: Er gehört über den Vater zum Urvolk der Slawen, das genetische Ursprungsland ist Griechenland. Auf der mütterlichen Linie gehört er zum Urvolk der Juden, das Ursprungsland ist dort aber im hohen Norden, in Finnland. [DZ]

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