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15.04.2009, Ausgabe 16/09

Gentest

Meine phönizischen Vorfahren

Mit einem Gentest zur Herkunftsanalyse, den eine Zürcher Firma erstmals in der Schweiz anbietet, kann man mehr über seine Ahnen herausfinden. In der Jüdischen Gemeinde ist der Test sehr beliebt, Politiker halten ihn für «rassistisch». Der Selbstversuch liefert erstaunliche Resultate.

Von Philipp Gut

Genetisches Familienwappen: Eine Art Urkunde präsentiert das genetische Profil und enthüllt das «Urvolk», dem man entstammt.

Die Büros liegen in einem Industriequartier am Stadtrand von Zürich. Die Architektur ist schmucklos, nichts deutet darauf hin, dass einen im Innern eine Art Entdeckungs- und Zeitreise in die eigene Vergangenheit erwartet. Die Start-up-Firma iGenea, an deren Spitze zwei junge Frauen stehen, bietet als Erste in der Schweiz einen DNA-Test zur Herkunftsanalyse an. Mit seiner Hilfe – und rund 300 Franken Budget – kann man herausfinden, welche Vorfahren man hatte und woher man stammt. Nicht ein paar Generationen zurück, sondern Dutzende: bis zurück in die Antike.

Der Test hat einige Zeitungen und das Staatsfernsehen der Romandie (TSR) zu alarmistischen Berichten veranlasst – was wiederum die Politik auf den Plan rief. Der Waadtländer Ständerat Luc Recordon (Grüne) reichte eine Interpellation dazu ein («Verwendung von DNA-Tests für rassistische Zwecke»). Recordon schreibt, mit Bezug auf eine Werbeanzeige von iGenea («Sind Sie Jude?»): «Abgesehen vom wissenschaftlich abwegigen Cha- rakter dieses Angebotes zeigt dieses Inserat die sehr gefährliche Tendenz auf, einem sinnentleerten Rassebegriff zu Gültigkeit zu verhelfen und Menschen nach einem derartigen Kriterium einzuschätzen.»

Rassistische Strömungen?

Zusätzlich könne eine DNA-Analyse «das Ansehen einer Person beschädigen, die sich aus Naivität einem solchen Test unterzieht oder ihm ohne ihr Wissen unterzogen wird. Rassistische Strömungen, die aus solchen Bestimmungen entstehen könnten, müssen im übergeordneten öffentlichen Interesse bekämpft werden.» Die «bisherige Gesetzgebung» zur «Verhinderung dieser Strömungen» sei «ungenügend».

Ist der Test wirklich so gefährlich? Wie funktioniert er? Was empfindet einer, der plötzlich auf seine jahrtausendealten Wurzeln blickt? Ich habe mich, um Antworten auf solche und ähnliche Fragen zu gewinnen, zu einem Selbstversuch entschieden.

Zuerst nahm man mir eine Speichelprobe ab. Sie reicht aus, um die Daten zu bestimmen, eine «Art genetisches Familienwappen», wie Firmengründerin Joëlle Apter erklärt. Die Firma iGenea macht die Analyse nicht selbst, sie arbeitet mit einem grossen Unternehmen in den Vereinigten Staaten zusammen. Die Probe wird eingeschickt, bis die Auswertung bekannt ist, dauert es ein paar Wochen.

Eine erste Nachricht erhielt ich per E-Mail, an dem Tag, an dem die Probe im Labor in den USA ankam. Fortan wurde ich über jeden weiteren Schritt informiert. Gespannt wartete ich auf die Resultate. Zunächst betrafen sie die Gegenwart: Es wurde gemeldet, dass eine Person mit übereinstimmendem DNA-Profil gefunden worden sei. Mittlerweile sind es rund 140.

Die Kunden von iGenea haben – mittels Benutzername und Passwort – jederzeit Zugriff auf die weltweit grösste Datenbank dieser Art mit über 280 000 registrierten Perso-nen. Wer möchte, kann seine Adresse angeben. Einige haben auf diesem Weg Verwandte gesucht – und in gewissen Fällen auch gefunden.

Die Daten werden laufend aktualisiert. Auf einer interaktiven Karte kann man nachschauen, in welchen Ländern und Gebieten die meisten Menschen mit ähnlicher DNA wohnen. Man unterscheidet zwischen einer männli-chen und einer weiblichen Linie, der sogenannten Y-DNA (männlich) und der mitochon-drialen DNA (weiblich). Gewissermassen aus der Vogelperspektive, wenn man die Karte so verkleinert, dass man die ganze Welt im Blick hat, lässt sich die Verteilung leicht ersehen. In meinem Fall erfuhr ich, dass bei der väterli-chen Linie die meisten Übereinstimmungen in Mitteleuropa, auf den Britischen Inseln und in den USA vorkommen.

Die wichtigsten Meldungen kamen dann per Post. Eine Art Urkunde präsentiert das genetische Profil und enthüllt das «Urvolk», dem man entstammt. Zuerst war bei mir die väterliche Linie analysiert. Ich habe, so ergab der Gentest, keltische Wurzeln. Zu den antiken Schriftstellern, die über die Kelten berichteten, gehört Gaius Julius Cäsar. Der römische Feldherr unterschied verschiedene keltische Stämme, darunter die Helvetier. Bis jetzt ist es allerdings (noch) nicht möglich, mittels Genanalyse zu bestimmen, zu welchem Stamm die Vorfahren gehörten.

Krieger und Seefahrer

Von den kriegerischen, eigenwilligen Kelten abzustammen, die sich gegen Römer und Germanen wehrten, schien mir auf Anhieb sympathisch. Noch mehr staunte ich, als die Resultate der mütterlichen Linie bekannt wurden: In meinen Adern fliesst phönizisches Blut. Die Phönizier waren ein semitisches Volk der Antike, das im Gebiet des heutigen Libanon und Syrien an der Mittelmeerküste lebte. Der Name «Phönizier» ist schon bei Homer belegt.

Als geschickte Seefahrer sollen sie, wie der griechische Historiker Herodot berichtet, um 600 v.Chr. Afrika umschifft haben. Rund ums Mittelmeer gründeten sie Niederlassungen, etwa in Karthago im heutigen Tunesien. Reich wurden die Phönizier durch ihre mächtige Handelsflotte, gebaut aus den berühmten Libanonzedern. Sie entwickelten ein Alphabet, das zur Grundlage der griechischen und lateinischen Schrift wurde.

Um eine Zuordnung zu sogenannten Urvölkern vornehmen zu können, arbeiten die Genforscher mit Wissenschaftlern aus anderen Sparten zusammen. «Die Genetik braucht die Geschichte und die Archäologie», sagt iGenea-Geschäftsführerin Inma Pazos. Man isoliert bei archäologischen Funden wie Zähnen und Kieferknochen die DNA und sucht dann nach genetischen Gemeinsamkeiten. Im Visier haben die Forscher die sogenannten Haplogruppen, sehr seltene genetische Variationen. Man kann sie sich als Äste des Homo-sapiens-Stammbaums vorstellen, genetische Grossfamilien, bei denen sich durch Wanderungen und Abspaltungen verschiedene DNA-Profile entwickelt haben. Der Gentest zeige, dass die Bevölkerung der Schweiz von überall herkomme, sagt Firmengründerin Joëlle Apter. Mit dem Vorwurf des Rassismus könne sie gar nichts anfangen.

Apter ist selber jüdischer Abstammung. «In der Jüdischen Gemeinde», sagt sie, «ist der Test sehr beliebt.» Das jüdische Wochenmagazin Tachles hat darüber berichtet und drei Probanden zum Test geschickt, darunter den Schriftsteller und Weltwoche-Fortsetzungsroman-Autor Charles Lewinsky («Melnitz»). Lewinskys Herkunftsanalyse habe «spannen-de Informationen ergeben», schreibt Tachles. Er gehöre «sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits dem Urvolk der Juden an».

Kein Bedarf für ein Verbot

Kritiker Luc Recordon ficht das wenig an. Ob er gewusst habe, dass Firmengründerin Apter Jüdin ist und der Test in der jüdischen Gemeinde beliebt? «Natürlich», sagt der grüne Ständerat. Apter handle in «gutem Glauben», sei sich aber «der Gefahren für sich und die jüdische Gemeinde nicht bewusst»: «Sie schneiden sich damit ins eigene Fleisch.»

Dr. Bernhard Steiner, Oberarzt am Institut für Medizinische Genetik der Uni Zürich, ist anderer Ansicht: Solche Tests seien «von wissenschaftlicher Seite her längst akzeptiert». Zu den renommiertesten Forschern auf dem Gebiet zählt der in Oxford lehrende Genetiker Bryan Sykes («Die sieben Töchter Evas»). Sykes gründete die Firma Oxford Ancestors, die ähnliche Tests anbietet wie iGenea.

Der Bundesrat kam in seiner Antwort auf Recordons Interpellation zum Schluss, er sehe «keinen Bedarf für ein generelles Verbot der Durchführung von Genealogieabklärungen».